Nr.
2/2001 März
Baustoff Forschung und Ingenieurpraxis im Wandel der Zeit.
Fortsetzung des Artikels von Univ. Prof. Dr. Dr.Ing E.h. Rupert
Springenschmid München
erschienen im Bauingenieur Band 75 vom September 2000.
1. Teil in TM1/2001.
8. Einige praxisrelevante Forschungsergebnisse
8.1 Wassertransport durch Beton?
Nehmen wir als Erstes die einfache Frage, wie viel Wasser durch
eine Bodenplatte aus dichtem Beton, einem B 25, hindurchgeht, und
ob man luftseitig eine wasserdampfdichte Beschichtung aufbringen
darf. Als Transportmechanismen werden üblicherweise
es gibt schon hunderte von Arbeiten dazu die Wasserdurchlässigkeit
unter Druck ( k Wert ), kappilares Saugen und Wasserdampfdiffusion,
angesetzt.
Prüft man nicht dünne Zementsteinproben, sondern Beton
unterschiedlicher Dicke, dann ist es gut, sowohl Proben, die unten
kapillar saugen können, als auch solche, die unten abgedichtet
sind, oben austrocknen zu lassen und zu vergleichen. Wenn man sich
lange genug Zeit läßt, stellt man fest. ( Bild 1 )
- auch die unten in Wasser stehenden Probentrocknen insgesamt aus,
vorausgesetzt sie sind dicker als rd. 10 cm, weil
- die kapillare Wasseraufnahme von unten bei dicken Proben gering
ist, offenbar nur in einer unteren Randzone auftritt und
- die unten Wasser saugende Probe oben nicht mehr Wasser abgibt,
als die unten abgedichtete. Das kann also nur das Überschußwasser
vom Betonieren sein.
Bild 1: Beim Austrocknen Nach oben gibt Beton einer Platte von mehr
als 10 cm Dicke nur aus einer oberen Randzone Wasser ab.
Auch wenn die Probe unten im Wasserbad steht, dringt praktisch keine
Feuchtigkeit durch den Beton
Durch
trockenen Beton dringt anfangs Wasser ein, nach einigen Wochen dichtet
sich der Beton selbst ab, so daß die bekannten Ansätze
von kapillarem Saugen oder Wasserdampfdiffusion um Größenordnungen
von der Realität abweichen. Oben entsteht ein Austrocknungsbereich
von begrenzter Dicke.
Ursachen weshalb das Wasser nicht tiefer eindringt, können
sein
- Binghamsches Fließen des Porenwassers,
- internes Quellen, aber auch
- Lösungs-und Ablagerungsvorgänge und in gewissem Ausmaß
auch eine
- Nachhydration.
Die unten in Wasser stehenden Proben nehmen nur in einem verhältnismäßig
dünnen Bereich Wasser auf und wenn sie oben austrocknen können,
ist der Austrocknungsbereich auch nicht viel dicker.
Die Folgen: auf eine 50 cm dicke Betonplatte kann man eine wasserdampfdichte
Beschichtung kleben, sobald der Beton gut ausgetrocknet ist, vorausgesetzt
natürlich, der Beton hat keine Nester und ist gut ausgetrocknet.
Mit einem zweiten Beispiel sei gezeigt, wie leicht es ist, alte
Regeln durch neue Ansätze zu verbessern.
8.2 Schwinden
Viel wird geredet vom Schwinden, je dicker ein Bauteil ist, umso
langsamer entwickelt es sich, es wird ja durch Austrocknen verursacht,
wobei der Rand unter Zug, der Kern unter Druck gerät.
Das Schwinden ist heute wichtiger denn je, nicht nur in der Statik,
sondern auch für die Anwendungspraxis neuartiger Betone. Wenn
wir heute Beton aus zerkleinertem alten Beton machen wollen, wenn
wir sandreichen Beton mit nur 20 % Kies machen oder gar selbstverdichtenden
Beton, hochfesten oder superhochfesten Beton, so ist nicht nur die
Festigkeit wichtig, sondern auch das Schwinden und besonders die
Schwindrißbildung.
Im Spannbeton stört das Schwinden, weil jede Schwindverkürzung
ecs eines Balkens die Vorspannung vermindert umso stärker,
je höher das Schwindmaß. Bei Sichtflächen stören
vor allem die Schwindrisse an der Oberfläche, die durch ganz
andere Spannungen verursacht wurden. Beim Schwindmaß handelt
es sich um eine Längsverformung, bei netzartigen Schwindrissen
um die Folge von Eigenspannungen, das macht einen großen Unterschied.
Nichts ist naheliegender, als endlich das Schwinden auf seine beiden
Ursachen zurückzuführen, nämlich auf den Feuchtedehnkoeffizienten,
ähnlich dem a für die Wärmedehnung und die in der
Randzone wichtige Feuchteleitfähigkeit, die der Wärmeleitfähigkeit
l entspricht. Ist die Feuchteleitfähigkeit klein, gibt es steile
Gradienten und Schwindrisse, ist sie groß, gibt es ein höheres
Schwindmaß.
Bild 2: Schwinden führt bei weniger dichtem Beton mit größerer
Feuchteleitfähigkeit in
der Randzone zu kleineren Eigenspannungen und kaum zu Schwindrissen
Wer
sagt uns, wie groß die Eigenspannungen wirklich sind, man
kann sie doch nicht messen. Ein einfacher Trick hilft uns weiter.
Wir lassen Betonbalken austrocknen und spalten sie nach einigen
Tagen in Längsrichtung. Ein Teil der Eigenspannungen führt
zu Verformungen, die Balkenhälften schüsseln sich auf,
und wir können den Stich messen.
Bild 3: Wenn Balken früh austrocknen können und im Alter
von 3 bis 28 Tagen in
Längsrichtung gespalten werden führen die bisdahin vorhandenen
Eigenspannungen zu meßbaren Krümmungen.
Hoher Wassergehalt führt zu porösem Beton, der eine höhere
Feuchteleitfähigkeit, also kleinere Eigenspannungen hat, obwohl
das Schwindmaß größer ist.
8.3 Hydratationswärme
Reine Empirie waren die alten Regeln zur Vermeidung von Rissen zufolge
Hydratationswärme. Soll man bei massigen Bauteilen Zement mit
Hüttensand oder mit Flugasche verwenden ? Ist die Hydratationswärme
des Zements nach DIN 1164 nach 7 Tagen als Lösungswärme
oder in der Thermosflasche bestimmt, überhaupt ein brauchbares
Kriterium ?
Der einfache Gedanke, daß es nicht die Erwärmung selbst
sein kann, die zu Rissen führt, sondern die durch sie verursachten
Spannungen beim Abkühlen, führt zum dritten Beispiel.
Will man die Spannungen messen, muß man aus dem massigen Bauteil
gedanklich einen Probebalken herausschneiden und im Labor von Anfang
an denselben Temperaturen und derselben Verformungsbehinderung (
nur sie verursacht Zwang ) unterwerfen, wie im Bauwerk.
Dann braucht man nur die Spannungen zu messen und weiß, wie
weit man vom Überschreiten der Zugfestigkeit, also dem Riss,
entfernt ist. Die Hydratationswärme allein reicht nicht aus,
um auf spätere Temperaturspannungen zu schließen, man
muß dann auch den anstieg von E-Modul und die plastische Verformbarkeit
berücksichtigen und darüber hinaus
Auch das chemische Schwind- und Quellverhalten, das sehr unterschiedlich
sein kann.
Alle diese Einflüsse ändern sich in der ersten Phase des
Festwerdens des Betons sehr rasch.
Sobald der Beton ausreichend erhärtet ist, also im Alter von
ein bis zwei Tagen, lassen sich die Spannungen auch berechnen, wofür
es mehrere Rechenmodelle gibt.
Das wichtigste Ergebnis sei kurz gesagt:
Hydratationswärme am ersten Tag, wenn sich der Beton noch stark
plastischverformt, wirkt sich ebenso nachteilig aus, wie jede andere
Erwärmung oder eine hohe Frischbetontemperatur. Die ab dem
dritten Tag entstehende Hydratationswärme spielt für die
Gefahr einer Spaltrißbildung praktisch keine Rolle mehr, weil
der E-Modul schon hoch ist und eine zusätzliche Wärmedehnung
in Druckspannungen umgesetzt wird. Es kommt darauf an, bei welcher
Temperatur und bei welchem Temperaturgradienten der Beton fest wird.
8.4 Thermische Nachbehandlung
Bei der Nachbehandlung des Betons stellt sich die Frage, ist nur
das austrocknen wichtig oder auch die Temperatur? Soll man jungen
Beton kalt oder warm halten ? Bisher hat man mitunter empfohlen,
den jungen Beton mit Matten abzudecken, ihn tempern zu
lassen.
Dazu ein einfacher Versuch :
Wenn man Betonbalken wie hier im Schnitt unter einem
Temperaturgradienten erhärten läßt innen
warm, außen kalt bekommt er, sobald sich die Temperaturunterschiede
ausgeglichen haben, eine thermische Vorspannung, die die Biegezugfestigkeit
im vorliegenden Falle um knapp 30 % anhebt.
Gefährlich ist der umgekehrte Fall: Ein Betonbalken ( oder
eine Platte ) wird an einem heißen Sommertag hergestellt und
oben durch die Sonne aufgeheizt. Der Beton wird in der oberen Randzone
bei einer höheren Temperatur fest, während er nach unten
seine Wärme
Abführt und dort bei einer viel niedrigeren Temperatur Gestalt
annimmt. In der ersten Nacht gleichen sich die Temperaturen aus,
oben ist der Balken bestrebt sich zu verkürzen und will sich
aufschüsseln. Weil der Balken aber durch sein Eigengewicht
am Untergrund aufliegt, erhält er hohe Biegespannungen.
Man kann nun, um die Spannungen abzuschätzen wiederum
ganz einfach einen Balken so kurz machen, daß das Biegemoment
aus Eigengewicht keine Rolle mehr spielt. Dann schüsselt der
Balken nahezu unbehindert auf und man kann den Stich messen.
Bild 4: Krümmung kurzer Betonbalken in den ersten Tagen im
Freien. Ohne Nachbehandlung
wird die Krümmung durch Austrocknen und sommerliche Temperaturänderungen
verursacht,
bei Folienabdeckung nur durch Temperaturänderungen. Der Balken
mit dicht aufliegender
Folie ist nicht ausgetrocknet und hat sich nur etwas weniger verformt,
als der Balken ohne
Nachbehandlung, der austrocknen konnte.
Wir schließen daraus:
1. Die Temperatur der oberen Randzone ist bei der Erhärtung
am ersten Tag im Sommer mindestens ebenso wichtig, wie der Schutz
vor Austrocknen und
2. Statt der bisher manchmal verwendeten wärmedämmenden
Matten, soll man im Sommer Betonoberflächen am ersten Tag kühl
halten, dann bekommen sie eine leichte thermische Vorspannung, und
das ist gut so.
3. Mit einfachen Mitteln lassen sich interessante Ergebnisse erzielen.
9. Folgerungen
Experimentelle Forschung ist immer Gemeinschaftsarbeit. Die Zusammenarbeit
mit den vielen begabten und loyalen jungen Menschen gehört
zu den schönsten Aufgaben eines Hochschullehrers.
Die Strukturen für technische Innovationen in den Bauämtern
und Baufirmen haben sich geändert. Den Hochschulinstituten
fallen mehr Aufgaben zu. Forschung darf aber nicht heißen,
nur Meßwerte zu ermitteln und statistisch auszuwerten, sondern
den Ursachen auf den Grund zu gehen und in der Praxis anwendbare
Lösungen zu entwickeln. Für junge Ingenieure gibt es heute
mehr Themen als je zuvor. Man braucht dafür nur drei Voraussetzungen:
Ein breites Fachwissen, den festen Glauben, daß allen Phänomenen
Naturgesetze zugrunde liegen und eine kritische Distanz gegenüber
allen Modeerscheinungen.
|