|
Nr.
1/2002 Jänner
Hochleistungsbahnausbau in Italien am Beispiel
der Apenninuntertunnelung.
Die Vorstellung des Generalverkehrsplans der Bundesregierung Ende
Jänner 2002, worin der Brennerbasistunnel relativ spät
gereiht wurde, soll nicht die Meinung aufkommen lassen, daß
in Italien der Ausbau der Hochleistungsbahnstrecken nur langsam
vorangeht. Die für unser Nachbarland so wichtige Strecke Bologna
Florenz wurde bereits mit Hochdruck in Angriff genommen.
Was hier im Gange ist, entnehmen wir einem Artikel der Zeitschrift
Tunnel in seiner Ausgabe 8/99 (!).
Die insgesamt 78 km lange Apenninunterquerung verläuft 73 km
im Tunnel. Der zweigleisige Tunnel wird von 13 Portalen und 20 Zwischenangriffen
aus 12 Fensterstollen konventionell vorgetrieben. Die Strecke ist
mit Kurvenradien von i.min. 5.500 m, einer maximalen Steigung von
12 %o auf eine Geschwindigkeit von 300 km/h trassiert. Der Nutzquerschnitt
der Tunnel beträgt 85 m2 bei einem Ausbruchsquerschnitt von
135 m2.
Zum ersten Mal wurde in Italien ein derart großer öffentlicher
Auftrag für die schlüsselfertige Erstellung eines Bauwerks
vergeben. Alle Aufträge wurden zu Festpreisen vergeben, nicht
vorgesehene Kosten, einschließlich des Baugrundrisikos (!)
nach unserer Meinung nicht nachahmungswert
gehen zu Lasten des Generalunternehmers. Mit dem Bau wurde die FIAT
S.p.A. auf Basis eines Pauschalpreises von ca. 2 Mrd EUR als Generalunternehmer
beauftragt. FIAT vergab die Ausführung an die Arbeitsgemeinschaft
CAVET- Consortio Alta Velocita Emilia Toscana. Der Auftrag CAVET
umfaßt 59,9 km Tunnel in bergmännischer und 1,1 km in
offener Bauweise. Dazu kommen 11 km Fensterstollen. In 9 Bauabschnitten
wird der Tunnel von 13 Portalen und 12 Fensterstollen aus aufgefahren.
Es sind bis zu 40 Vortriebsorte in Arbeit.
Die Geologie ist sehr wechselhaft: flyschartige Formationen, Tone
und Tonschiefer, kalkige Mergel und Kalkstein , sowie Lockerböden
werden erwartet. In mehreren Abschnitten kann auch druckhaftes Gebirge
angetroffen werden.
Nach Untersuchungen von Prof. Pietro LUNARDI, Rocksoil S.p.a. werden
Konvergenzen bis hin zu Verbrüchen im Vortrieb vom Versagen
der Standsicherheit der Tunnelbrust ausgelöst. Die Planungen
von Rocksoil versuchen deshalb die Wechselwirkungen der Verformung
der Ortsbrust, der Tragfähigkeit des Gebirges und des Ausbaus
hinsichtlich Dimensionierung, Zeitpunkt des Einbaus und Abstand
zur Ortsbrust zu betrachten. ADECO RS (Analisi delle Deformationi
controllate nelle Rocce nei Soile), die Untersuchung der kontrollierten
Verformungen des Gebirges bzw, des bodens, arbeitet dabei mit 3
dimensionalen Modellen. Lunardi sieht seine Methode
im Gegensatz zur Neuen Österreichischen Tunnelbauweise. Dieser
Gegensatz ist mir bei der Lektüre dieses Artikels nicht klar
geworden !
Der Planung ging eine detailierte geologische und geotechnische
Untersuchung voraus. In einer Diagnosephase folgten Vorhersagen
des Verhaltens der Gesteine bzw. Böden in Wechselwirkung mit
dem Ausbruch.
Abschnittsweise wurden die nötigen Voraussicherungen, der einzubringende
Ausbau und der Arbeitsablauf festgelegt.
Mit einem Vollausbruch und einer Voraussicherung der Ortsbrust läßt
sich der Ring eher schließen als bei einem Teilausbruch, die
Gebirgsverformungen werden geringer. Der bereits an der Ortsbrust
anstehende volle Querschnitt erlaubt, anders als in einem Kalottenvortrieb
das Arbeiten mit leistungsfähigen Großgeräten.
Die Voraussicherungen erfolgen mittels Injektionen der Ortsbrust
durch Glasfiberrohre und/oder HDI Schirme, oder im Extremfall
Gebirgsverbesserungen aus einem Pilotstollen. Entsprechende Ausrüstungen
werden, wo immer es erforderlich erscheint, auf den Baustellen vorgehalten.
Die Bauarbeiten wurden bereits im Juni 1996 begonnen und seit März
1997 laufen die Vortriebsarbeiten im Haupttunnel. Obwohl im fertigen
Zustand ein fast durchgehender, für den Reisenden nur für
Sekunden durch kurze Brückenüberfahrten unterbrochener
Tunnel wahrgenommen werden wird, sind es , jeweils von den natürlichen
Portalen bestimmte, Einzeltunnel.
Galeria
Pianoro 10,7 km
Galeria Sadurano 3,8 km
Galeria Monte Bibele 9,1 km
Galeria Raticosa 10,4 km
Galeria Schegianico 3,5 km
Galeria Firenziola 15,1 km
Galeria Vaglia 18,3 km
Im
Detail wird hier auf den Raticosa Tunnel eingegangen. Er
liegt im bautechnisch anspruchvollsten Abschnitt. Von Norden aus
führen die ersten 500m durch eine nur gering verfestigte Rutschmasse
aus Argilliten mit eingeschlossenen bis zu 1 m3 großen Kalksteinblöcken.
Die Hangrutsche datieren aus jüngerer Zeit, der älteste
liegt etwa 3000 Jahre zurück, der jüngste anfangs des
20. Jahrhunderts. Anschließend verläuft der Tunnel über
etwa 5 km im Complesso caotico der Name verrät
schon, daß es sich um tektonisch schwer gestörtes Gestein
handelt. Es wird hier stark druckhaftes Gebirge erwartet. Die südliche
Hälfte liegt dann im Flysch. Umfangreiche Messungen haben ergeben,
daß die Rutschung in verschiedenen Horizonten mit etwa 4 mm
pro Jahr fortläuft. Sie wirkt sich auf die Instabilität
der Ortsbrust aus. Um den Ausbruch im vollen Querschnitt beibehalten
zu können, wird die Tragfähigkeit des Gebirges vor der
Ortsbrust durch den Einbau von etwa 100 Glasfiber-Injektionsrohren,
Länge 22 m, Überlappung 10m erhöht und ein rundum
geschlossener Sicherungsausbau aus Stahlbögen und stahlfaserbewehrtem
Spritzbeton eingebaut. Nur 6m hinter der Ortsbrust wird der bewehrte
Sohlausbau eingebracht. Die Innenschale folgt dann in 50 bis 60m
Abstand.
Etwa zeitgleich mit dem Beginn der Arbeiten wurden in Italien zahlreiche
europäische Richtlinien zu Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz
gültig. Für die Baustellen im Abschnitt zwischen Bologna
und Florenz war erstmals die Beschreibung von Arbeitsabläufen,
-plätzen und bedingungen Teil der Planung.
So wurden die Beleuchtungsstärken während der Bauarbeiten
mit 50 lux im Tunnel, 100lux im Vortriebsbereich und beim bohren
an der Ortsbrust mit 130 lux festgelegt. Die Vortriebe werden mit
mindestens 3 m3/min belüftet, wobei die Luftgeschwindigkeit
zwischen 0,3 und 0,6 m/sek liegen soll. Nicht zuletzt aus Gründen
der Arbeitssicherheit hat sich CAVET entschlossen, ausschließlich
mit neuen Maschinen zu arbeiten und hat dafür 65 Mio EUR investiert.
So waren im Oktober 1999 35 baugleiche CIFA-spritzsysteme im Einsatz.
Für den Einbau der innenschale laufen 16 baugleiche CIFA
Schalwägen mit 12,5m Länge. Mittels integrierter Betonverteiler
werden in den 12m Blöcken 180 bis 280 m3 Beton eingebaut.
Mit Jahresende 2002 sollen alle Tunnel einschließlich Ausrüstung
fertiggestellt sein, sodaß ab Mitte 2003 der Bahnbetrieb ausfgenommen
werden kann. Die Fahrzeiteinsparung auf der Strecke Bologna-Florenz
wird etwa eine halbe Stunde betragen. Mailand Rom wird dann
statt in 4, in 3 stunden befahren.
Wie erwähnt, fußt dieser Artikel auf eine Veröffentlichung
vom August 1999 in der Zeitschrift Tunnel. Wie es bis
heute gelaufen ist, versuchte ich zu eruieren. Zunächst fand
ich auf einer Internetseite über italienische Eisenbahntunnel
vom Oktober 2001 die in diesem Bericht angeführten Tunnel,
allerdings mit einem Fertigstellungstermin im Jahr 2006. Beim Tunnel
Vaglia
ist die Länge mit 18.6 km angegeben, wobei im April 2001 der
Durchschlag erfolgt sei.
|